Āyurvedische Massage oder Fehlbezeichnung? Ein kulturelles Missverständnis entschlüsseln
Eine kürzlich gemachte Beobachtung hat mich zum Nachdenken gebracht und auf eine der verbreiteten Missverständnisse im Zusammenhang mit Āyurveda aufmerksam gemacht. Mit dem wachsenden Interesse und der zunehmenden Verbreitung des Āyurveda in der westlichen Welt wenden sich immer mehr Menschen dieser uralten Heilmethode zu. Dadurch steigt auch die Zahl an Praxen und Einrichtungen, die sogenannte āyurvedische Massagen, wie zum Beispiel Abhyanga oder andere Behandlungen, anbieten. Doch gerade hier liegt oft ein grundlegendes Missverständnis vor.
Nehmen wir als Beispiel die Abhyanga. Diese Wort aus dem Sanskrit Wörtlich übersetzt bedeutet dieses Wort nicht „Massage“, sondern „Einölung“ – genauer gesagt, der Vorgang des Auftragens und Einreibens von Öl. Ziel dabei ist, den Körper regelrecht mit Öl zu durchdringen, das über die Haut einzieht und dort seine Wirkung entfaltet. Die Art und Weise des Auftragens orientiert sich am Gesundheitszustand der Person und kann sanft oder etwas kräftiger erfolgen – dies wird individuell durch den behandelnden Arzt entschieden. Dabei ist zu beachten, dass Anwendungen wie Abhyanga immer in den Kontext eines umfassenden Entgiftungsprozesses gehören. Sie dienen der Vorbereitung des Körpers auf nachfolgende Ausleitungsverfahren, die je nach Bedarf und individueller Verfassung ergänzt werden. Ziel ist es, den Körper nicht zu überfordern, sondern durch sanfte Vorbereitung die Selbstheilungskräfte zu aktivieren.
Wichtig zu verstehen ist dabei, dass āyurvedische Behandlungen keinesfalls mit Muskelkneten oder punktuellem Druck zu vergleichen sind. Es handelt sich vielmehr um einen ganzheitlichen Ansatz, bei dem die Einheit von Körper, Geist und Seele im Mittelpunkt steht.
Ein Blick auf die Etymologie des Wortes „Massage“ verdeutlicht die Unterschiede: Der Begriff leitet sich aus dem Lateinischen „massa“ ab, was „Masse“ oder „Teig“ bedeutet. Massage beschreibt die manipulative Anwendung von Händen, bei der Druck oder gezielte Bewegungen auf Muskeln und Gelenke ausgeübt werden. Das Wort massage oder āyurvedischen Massagen ist daher irreführend und wird der āyurvedischen Praxis nicht gerecht und kann zu falschen Erwartungen führen – insbesondere bei āyurvedischen Einrichtungen, deren Behandlungen auf den Schriften und deren Protokolle basieren.
Kalaripayattu, die traditionelle Kampfkunst aus Kerala, umfasst eine Übung, die als Pada Aghatha bekannt ist. Dieser Begriff stammt aus dem Sanskrit und lässt sich in „Pada“ (Fuß) und „Aghatha“ (Schock oder Schlag) unterteilen. Bei dieser Methode führt der Therapeut eine kräftige Massage mit den Füßen durch und bearbeitet dabei die Marma-Punkte – die vitalen Energiezentren des Körpers. Sie ist speziell für Praktizierende des Kalaripayattu gedacht. Das Ziel dieser Technik ist es, die Flexibilität der Muskeln und Gelenke zu verbessern und so die für die Kampfkunst erforderliche körperliche Beweglichkeit zu fördern.
Traditionelle Texte betonen, dass solche Massagen ausschließlich für Personen in guter Gesundheit gedacht sind. Die Anwendung dieser Behandlung bei Personen mit bestehenden Gesundheitsproblemen könnte deren Beschwerden verschlimmern und möglicherweise Schwellungen oder andere unerwünschte Wirkungen verursachen.
Es ist daher essenziell hervorzuheben: Āyurveda ist weder ein Spa-Angebot noch ein Massagesalon. Es handelt sich hierbei um ein ganzheitliches medizinisches System, das weit über rein oberflächliche oder selektive Anwendungen hinausgeht.